Décalibre
Das Uhrmacher-Journal

Der Schweizer Ankergang: das „Tick-Tack“ einfach erklärt

Der regelmäßige Schlag einer mechanischen Uhr verbirgt eines der genialsten Mechanismen der Menschheitsgeschichte: den Schweizer Ankergang. Er erzeugt jenes berühmte, poetische und geradezu hypnotische „Tick-Tack“ – und er treibt heute über 99 % aller mechanischen Uhren der Welt an.

Eine doppelte, lebenswichtige Aufgabe

Die Hemmung erfüllt zwei untrennbare Aufgaben. Zum einen verteilt sie die im Federhaus gespeicherte Energie in kleinen Portionen: Statt die Feder sich auf einmal entspannen zu lassen, gibt sie diese Impuls für Impuls frei. Zum anderen hält sie die Schwingungen der Unruh aufrecht, indem sie ihr bei jeder Halbschwingung die winzige Energiemenge zurückgibt, die durch Luft- und Lagerreibung verloren geht. Ohne Hemmung würde die Unruh binnen Sekunden zum Stillstand kommen.

Die Anatomie: Anker, Paletten, Rad

Drei Teile genügen: das Ankerrad (meist 15 Zähne), der aus gehärtetem Stahl gefertigte, ankerförmige Anker und zwei Paletten aus synthetischem Rubin – die Eingangs- und Ausgangspalette –, die mit Schellack am Anker befestigt sind. Am Ende des Ankers greift eine Gabel in den Ellipsenstein der Unruh ein. Ein kleiner Stahlstift sorgt bei Stößen für Sicherheit.

Jede Palette hat zwei Flächen: eine Ruhefläche (auf der der Zahn eingefangen bleibt) und eine Impulsfläche (die den Stoß empfängt). Zwei Größen werden hier oft verwechselt. Die Palettenhebung, an den Impulsflächen der Rubine gemessen, beträgt nur etwa zehn Grad. Der Hebungswinkel ist der Bogen, den die Unruh während des gesamten Impulses zurücklegt: Er liegt je nach Kaliber üblicherweise zwischen 38° und 56° (50° beim ETA 2824-2, 53° beim Seiko NH35, 51° beim Miyota 9015), und nur dieser Wert wird in den Zeitwaagen-Messplatz eingegeben, damit die Amplitudenmessung stimmt — Details in unserer Zeitwaagen-Diagnose. Diese Geometrie bestimmt den energetischen Wirkungsgrad.

Der Ablauf: Auslösung, Fall, Hebung, Ruhe

Bei jeder Halbschwingung der Unruh: (1) der Ellipsenstein drückt gegen die Gabel, die den Anker verschwenkt – die Auslösung; (2) ein Radzahn verlässt seine Palette und durchläuft einen kleinen freien Winkel – der Fall; (3) er trifft auf die andere Palette und erteilt ihr einen Impuls – die Hebung, die die Unruh erneut antreibt; (4) ein neuer Zahn kommt auf der gegenüberliegenden Palette zur Ruhe – die Ruhe. Wiederholen Sie dies 28.800 Mal pro Stunde bei einem 4-Hz-Kaliber, und Sie haben das „Tick-Tack“.

Warum „Schweizer“?

Der Ankergang wurde 1759 vom Engländer Thomas Mudge erfunden. Die Schweizer Uhrmacher des 19. Jahrhunderts verfeinerten ihn, indem sie Rubinpaletten, einen passiven Ruhehebungswinkel und eine standardisierte Geometrie einführten, die die industrielle Massenfertigung ermöglichte. „Schweizer“ bezeichnet also diese optimierte Version, im Gegensatz zum englischen Stiftanker oder der Zylinderhemmung. Genau diese Version herrscht heute vor – vom ETA 2824 bis zur Grande Complication.

Häufige Fragen

Warum bestehen die Paletten aus Rubin?
Synthetischer Rubin (Korund, Al₂O₃) bietet eine außergewöhnliche Härte (9 auf der Mohs-Skala) und, gut geschmiert, einen sehr geringen Reibungskoeffizienten. Er verschleißt trotz Millionen jährlicher Stöße kaum.

Muss die Hemmung geölt werden?
Ja, mit einem epilamierten Öl wie Moebius 9415 oder 941, das als Mikrotropfen auf die Hebungsfläche aufgebracht wird. Ohne diese Schmierung sinkt die Amplitude, und die Palette verschleißt vorzeitig.

Ersetzt Daniels' Koaxialhemmung den Schweizer Anker?
Noch nicht. Die Koaxialhemmung (Omega) reduziert die Gleitreibung, ist aber schwieriger zu fertigen. Der Schweizer Anker behält seinen überwältigenden industriellen Vorteil.

Möchten Sie diesen Mechanismus lebendig vor Ihren Augen sehen? Unsere Online-Uhrmacherschule Décalibre zerlegt die Hemmung mithilfe einzigartiger interaktiver 3D-Animationen.