Décalibre
Das Uhrmacher-Journal

Die filigrane Arbeit an der Hemmung: eine Geste wie beim Chirurgen

Wenn es eine Arbeit gibt, die den Amateur vom wahren Uhrmacherprofi unterscheidet, dann ist es die Justierung der Hemmung. Diese Arbeit verlangt eine Präzision, die an Mikrochirurgie grenzt, und absolute Geduld — und sie ist zugleich diejenige, die, wenn sie gelingt, die größte Befriedigung verschafft.

Was hier korrigiert werden soll

Eine Hemmung kann unter mehreren Fehlern leiden: einem zu großen Fall (der Zahn „springt“ mit Spiel von einer Palette zur anderen), einer unzureichenden oder übermäßigen Eingriffstiefe (der Zahn greift nicht oder bleibt blockiert), einem unausgeglichenen Zug (der Anker kehrt nicht sauber in die Ruhelage zurück) oder einem anormalen Gabelspiel. Jeder Fehler wird unter dem Stereomikroskop (20- bis 40-facher Vergrößerung) diagnostiziert und durch Verschieben einer Palette um wenige Hundertstelmillimeter korrigiert.

Schellack: der Kleber der Könige

Die Rubin-Paletten werden durch Schellack in ihren Schlitzen gehalten, ein Naturharz, das von einem asiatischen Insekt (Kerria lacca) abgesondert wird. Es schmilzt bei etwa 80–90 °C und erhärtet beim Abkühlen wieder. Seit dem 18. Jahrhundert verwendet, hat es einen entscheidenden Vorteil: Anders als ein moderner Kleber ist es durch bloßes Erwärmen beliebig reversibel. Genau das erlaubt es einem Uhrmacher, 200 Jahre später zurückzukehren und eine Palette nachzujustieren, ohne das Werk zu zerstören.

Das Ritual der Wärmeplatte

Der Vorgang findet auf einer Hemmungswärmeplatte statt, einem kleinen Messingsockel, der von einer Spirituslampe oder einer thermostatisch geregelten elektrischen Heizung erwärmt wird. Der Anker wird flach mit den Paletten aufgelegt. Man erwärmt, bis der Schellack sichtbar von bernsteingelb zu honigbraun wechselt — das ist das Signal. Unter dem Mikroskop schiebt man die Palette mit der Spitze einer feinen Pinzette, misst mit der Messuhr oder dem Messschieber-Komparator und nimmt sie vom Feuer. Der Schellack erstarrt in wenigen Sekunden. Man prüft am Werk nach. Ist es nicht perfekt, beginnt man von vorn.

Was den Amateur vom Profi trennt

Der Unterschied liegt in drei Dingen. Erstens die Ausrüstung: Stereomikroskop, thermostatisch geregelte Wärmeplatte, dem Maßstab angepasste Messingpinzetten. Zweitens die Temperaturkontrolle: zu heiß, und die Palette wandert von selbst; nicht heiß genug, und man muss mit Kraft nachhelfen und schlägt den Rubin an. Drittens die Diagnose: die Hemmung am Zeitwaagengerät „lesen“ zu können (Fall, Anschläge, Hebewinkel), bevor man überhaupt etwas berührt. Ein guter Uhrmacher verbringt 80 % der Zeit mit Messen, 20 % mit dem eigentlichen Eingriff.

Häufige Fragen

Kann man statt Schellack einen modernen Kleber verwenden?
Technisch ja, doch dabei geht die Reversibilität verloren. In der Haute Horlogerie gilt das als handwerklicher Fehler: Schellack bleibt der Standard.

Wie lange dauert es, diese Geste zu beherrschen?
An der Uhrmacherschule wird die Hemmungsjustierung im 2. oder 3. Jahr behandelt. Als ernsthafter Autodidakt mit guter Ausrüstung sollte man 100 bis 200 Übungsstunden an Schulwerken (ETA 6497) einplanen.

Was tun, wenn eine Palette bricht?
Sie wird ersetzt: Lieferanten (Cousins UK, Boley, Bergeon) verkaufen Rubin-Paletten nach Kaliberreferenz. Anschließend muss sie neu eingeklebt und von Grund auf justiert werden.

Von der Theorie zur perfekten Geste. Mit den hochauflösenden Makrovideos von Décalibre beobachten Sie jede Mikrogeste aus allen Blickwinkeln.