„Mein 2824 zeigt 220° Amplitude — ist das schlimm?“ Das ist wohl die häufigste Frage in Uhrenforen und die mit den widersprüchlichsten Antworten. Bevor man auf eine Revision schließt, sollte man drei Ursachen einer falschen Amplitudenanzeige der Reihe nach ausschließen und erst danach die echten mechanischen Ursachen prüfen.
Schritt 1 — Den eingegebenen Hebungswinkel prüfen
Eine Zeitwaage misst die Amplitude nicht, sie berechnet sie aus dem eingegebenen Hebungswinkel. Ein Fehler von 3° verschiebt die Anzeige um rund zehn Grad. Ein NH35 (53°), gemessen mit der Voreinstellung 52° oder 50°, zeigt mehrere Dutzend Grad weniger als die Realität — und viele Forum-„Defekte“ enden genau hier. Unsere Tabelle der Hebungswinkel nennt Herstellerwert und erwartete Amplitude gängiger Kaliber: 50° und 270–310° beim ETA 2824-2, 53° und 230–280° beim Seiko NH35, 51° und 230–290° beim Miyota 9015.
Schritt 2 — Die Messbedingungen kontrollieren
Amplitude ist nur an einem vollständig aufgezogenen Werk sinnvoll, nach 15 bis 30 Minuten Beruhigung, Zifferblatt oben, ohne Rotor, der während der Messung Energie abzieht. Bei einer seit dem Morgen getragenen Automatik sagt eine Mittagsmessung nichts. Messen Sie zusätzlich 24 Stunden nach Vollaufzug: der Amplitudenabfall zwischen 0 h und 24 h verrät mehr über die Zugfeder als der Rohwert bei Vollaufzug.
Schritt 3 — Das Diagramm lesen, nicht nur die Zahl
Das Diagramm der Zeitwaage erzählt, was die Zahl verschweigt. Zwei saubere, aber tiefe Parallelen: zu wenig Energie (Zugfeder, verharztes Öl, verschmutztes Räderwerk). Dicke, unscharfe Linien: Schmutz oder beschädigter Zapfen. Sägezahnbild: verzogenes Rad oder verbogener Zahn. Unregelmäßiger Schlag: Hemmung oder Hebescheibe. Ein Lagendelta über 40–50° zwischen liegend und hängend deutet auf Unruhzapfen oder Höhenspiel außerhalb der Toleranz.
Schritt 4 — Die echten mechanischen Ursachen
Nach Ausschluss der Fehlanzeigen ist die Reihenfolge klar: gealtertes oder fehlendes Schmiermittel (mit Abstand die häufigste Ursache, besonders an den Palettensteinen), Verschmutzung von Räderwerk und Steinen, ermüdete Zugfeder, die zu früh rutscht, Magnetismus (typisch: plötzlicher Vorgang, einbrechende Amplitude) und schließlich Höhenspiel außerhalb der Toleranz. Unsere Tabelle der Schmierstellen nennt die jeweils richtige Ölfamilie, die Höhenspiel-Tabelle die zulässigen Richtwerte je Rad.
Wann ist Sorge angebracht?
Eine gut gewartete moderne Uhr hält je nach Kaliber 270–310° liegend. Unter 250° bei korrektem Hebungswinkel reagiert der Gang empfindlich auf Lage und Stöße. Unter 220° droht Anschlagen und Galoppieren: die Uhr braucht eine Revision, keine Rücker-Korrektur. Achtung bei Langgangkalibern (Powermatic 80: 230–270° ist normal), die zu oft mit 2824-Maßstäben bewertet werden.
Häufige Fragen
220° bei einem NH35 — Revision nötig?
Nicht zwingend: der NH35 läuft normal zwischen 230 und 280°, sein Hebungswinkel beträgt 53°. Zuerst prüfen, ob das Gerät auf 53° steht und die Uhr voll aufgezogen ist.
Lässt sich die Amplitude über den Rücker erhöhen?
Nein. Der Rücker beeinflusst den Gang (Vor-/Nachgang), nie die Amplitude, die von Energie und Reibung abhängt.
Welcher Amplitudenabfall zwischen Lagen ist akzeptabel?
In der Praxis maximal 40 bis 50° zwischen der besten liegenden und der schlechtesten hängenden Lage bei einem gesunden modernen Armbanduhrkaliber.
Diagramme lesen wie ein Uhrmacher? Das Décalibre-Curriculum zerlegt die Zeitwaagen-Diagnose Diagramm für Diagramm in seiner Laboreinheit.